Kulturprogramm WM 2006

Keine tausend Tage sind es mehr bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006, und da so ein großes Ereignis seine Schatten entsprechend weit vorauswirft, hat man schon mal mit dem Aufwärmen begonnen. Emotional vor allen Dingen, aber auch geistig. Denn da Deutschland als Veranstalter einen Platz bei der WM sicher hat, wurde beschlossen, man müsse sich, wenn schon nicht sportlich, so doch wenigstens intellektuell für das Ereignis qualifizieren.

Mit einem Kulturprogramm zum Beispiel, das am Freitag abend im Berliner Paul-Löbe-Haus offiziell eröffnet wurde. Es sprachen der Kanzler, der Innenminister und als Hausherr der Bundestagspräsident, und obwohl sie zaghaft darauf hinwiesen, daß Deutschland eine parlamentarische Demokratie sei, sprachen sie das Wort „Kaiser“ mit einer Ehrfurcht aus, als befänden sie sich in einer Monarchie. Denn der unumwundene Herrscher des Abends war natürlich Franz Beckenbauer, eine von Kamerateams umturnte Lichtgestalt, die den Deutschen diese WM geschenkt hat.

Schon an der Art, wie sie sich durch die Menge bewegten, sah man den Unterschied zwischen Kaiser und Kanzler: Der eine bewegte sich mit jener natürlich-leichtfüßigen Autorität, die er auf dem Fußballplatz erworben hat; der andere schritt aus, als müsse er mit jedem Schritt um seine Bedeutung ringen und mit jedem Blick seine Jovialität betonen. Beckenbauer steht jenseits solcher Erwägungen, was kein Wunder ist, denn schließlich ist er auf Wahlergebnisse nicht mehr angewiesen. Neben ihm verkümmerten auch Leute wie Jürgen Klinsmann oder Oliver Bierhoff zu Zaungästen. Der Mann steht längst so jenseits aller Kritik, daß alle freudig schmunzeln, wenn er auf der Pressekonferenz zur Verbindung von Fußball und Kultur befragt wird und antwortet, er sei mal bei der WM in den Vereinigten Staaten in Chicago – er sagt natürlich „Tschikago“ – neben Plácido Domingo gesessen, der in der Pause gehen mußte, um einen Flug nach Dallas zu erwischen, wo er ein Spiel der Mexikaner sehen wollte. Da habe Beckenbauer begriffen, daß Fußball alle Schichten fasziniert – selbst die Intellektuellen. Wenn das so ist, mögen sich der Kaiser und die Seinen gedacht haben, kann man schon mal auch ein Kulturprogramm riskieren. Die Bundesregierung unterstützt dieses Programm mit dreißig Millionen Euro aus dem Verkauf der Sondermünzen und hat für die künstlerische Gesamtleitung André Heller gewonnen, dessen weitgefaßter Kulturbegriff ein Genre für sich ist. Wenn der Name fällt, stöhnen Intellektuelle gerne auf – aber man fragt sich, warum. Gerade bei einem Projekt dieser Größenordnung ist sein Sinn für massentaugliche Spektakel gefragt. Seine salbungsvolle Art mag manchem ein Dorn im Auge sein, und wenn er versichert, er habe keine Ambition, das Kulturprogramm „zu verhellern“, dann natürlich nicht, ohne hinzuzufügen, seine Eitelkeit sei „relativ befriedigt“. Aber zumindest seine erste Idee war schon mal ein Beweis für sein Talent, massenwirksame Bilder zu inszenieren. So wurde vor dem Brandenburger Tor nach Plänen des Architekten Buckminster Fuller ein zwanzig Meter hoher, begehbarer Fußball aufgestellt, der von November an durch die zwölf weiteren Austragungsorte der WM wandert – nächste Station Frankfurt. Das Symbol der Wiedervereinigung zur Brandenburger Torwand umfunktioniert, von Touristen millionenfach fotografiert, von den Medien in die Welt transportiert – eine naheliegende Idee, aber deswegen nicht weniger wirkungsvoll. Daß der altmodische Ball nicht dem Design des aktuellen Fifa-Balls entspricht, scheint nicht einmal den Fußball-Weltverband zu stören.

Tagsüber kann man den Ball betreten, Devotionalien besichtigen oder interaktive Spielchen treiben, nachts leuchtet er als Globus und verwandelt sein Inneres in ein Podium, wo diskutiert und gelesen wird – immer im Zeichen des Sports und von F.A.Z.-Redakteur Jochen Hieber geleitet. Da sprechen also Marlene Streeruwitz über Fußball und Männer, Wolf Wondratschek über Sport und Poesie, Sönke Wortmann über das Wunder von Bern, Daniel Cohn-Bendit über Sport und Rassismus, Markus Lüpertz über Fußball und Malerei, es lesen Tim Parks, F. C.Delius und Wladimir Kaminer, und Klaus Theweleit und Monika Maron diskutieren zum Thema „Heldenepos, Männerwahn“. Daß man den Doppelpaß zwischen Fußball und Kultur nicht ernster nehmen muß als nötig, führte am Eröffnungsabend ein Gospelchor vor, der einen Satz von Sartre intonierte – „bei einem Fußballspiel verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft“ – und mit einem vielstimmigen „Häääh?“ kommentierte.

Daß der nächste Gegner jedenfalls der schwerste ist, gilt ja irgendwie immer. Heller hat den Gegner jedenfalls schon mal ausgemacht: nämlich die Kultur der schlechten Laune. Was das angeht, sind die Deutschen immer gern bereit, das Büßerhemd anzulegen und sofortige Besserung zu geloben. Alle sind am Eröffnungsabend so krampfhaft damit beschäftigt, gute Laune an den Tag zu legen, daß einem ganz angst und bange werden kann. „Deutsche, freut’s euch!“ ruft André Heller beschwörend, und der wegen seiner gnadenlos guten Laune geradezu berüchtigte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder reagiert auch gleich: „Wenn wir uns alle anstrengen, dann werden wir auch noch ein fröhliches Volk werden.“ Das kann ja heiter werden. Muß es geradezu. Oder wie es die Flammenschrift, die den Abend im Paul-Löbe-Haus beendete, formuliert: Vorfreude!

Weil bei aller Vorfreude gerade unter Journalisten die Kultur der schlechten Laune sehr verbreitet ist, bat Heller auf der Pressekonferenz: „Wollen Sie doch, daß uns was gelingt!“ Wollen wir ja. Wirklich! Aber auch fürs Kulturprogramm gilt erst mal: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

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15. September 2003 von peter
Kategorien: Bericht | Schreibe einen Kommentar

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