16. Juni 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Filmpreise | Deutscher Filmpreis 2000 (1)

Lust auf Trauer und Melancholie

Zum Deutschen Filmpreis stellt sich wieder mal die Frage, warum wir so deutsch sind

An diesem Freitag werden in Berlin zum 50. Mal die Deutschen Filmpreise vergeben, und da die Branche mittlerweile auch hier zu Lande das Feiern gelernt hat, darf man sich auf die Veranstaltung freuen. Damit aber keiner auf Idee kommt, man könne die Probleme des deutschen Films unter den roten Teppich kehren, hat Kultur-Staatsminister Naumann im Vorfeld beklagt, dass bei den meisten nominierten Filmen eine auffällige Melancholie und Trauer am Werk sei, dass ihre Geschichten nicht repräsentativ für ein großes Publikum seien und sich deshalb keiner wundern müsse, wenn kaum jemand diese Filme sehen wolle.

Zweifellos ist es eine Errungenschaft, dass nach all den Jahren, in denen desinteressierte Innenminister Preise an Filme vergeben mussten, von denen sie noch nicht einmal gehört hatten, nun endlich jemand mit der Sache betraut ist, der die Nominierten nicht nur gesehen, sondern auch eine eigene Meinung zu ihnen hat. Andererseits ist es aber doch ein fragwürdiges Signal, wenn der Minister ausgerechnet zum Filmpreis ins Grübeln gerät, ob der deutsche Film statt schwarzweißen Problemfilmen nicht auch mal anrührende Liebesgeschichten erzählen könnte. Mit solchen Aussagen ist niemandem geholfen. Und wer immer den mit immerhin einer Million Mark dotierten Hauptpreis gewinnen mag, wird sich seinen Teil denken, wenn er die Trophäe aus Naumanns Händen entgegennimmt.

Man könnte ja auch zur Abwechslung mal froh darüber sein, dass Filme nominiert wurden, die sich durchgehend durch ihren künstlerischen Eigenwillen auszeichnen. „Die Unberührbare”, „Wege in die Nacht” oder „Absolute Giganten” waren vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack und sind an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurückgeblieben, aber sie zeigen doch auch, dass die fetten Jahre der Komödienherrlichkeit dem deutschen Kino nicht die Lust genommen haben, sich auch ernsthafter und eigensinniger mit dem eigenen Land auseinander zu setzen. Dass sowohl „Die Unberührbare” als auch „Wege in die Nacht” auf dem Festival in Cannes statt auf der Berlinale gezeigt wurden, führt vor Augen, wie schlecht man hier zu Lande mit eigenen Qualitäten umzugehen versteht. Dabei lautete selbst die Botschaft aus Hollywood im vergangenen Jahr, dass das Heil nicht in den immer teureren und riskanteren Großproduktionen zu suchen ist, sondern dass auch das dortige Kino die Kraft zur Erneuerung in kleineren, originelleren und auch persönlicheren Werken wie „American Beauty”, „Blair Witch Project” oder „Being John Malkovich” findet.

Natürlich können sich die nominierten Filme mit der Massenwirksamkeit solcher Filme nicht messen, aber womöglich ist das ja auch gar nicht die Aufgabe des deutschen Kinos. Die Glanzzeit des deutschen Films unter Fassbinder und Konsorten war auch das Ergebnis einer langen und zähen Überzeugungsarbeit beim Publikum. Ob den nominierten Regisseuren ähnliche Karrieren beschieden sind, wird sich noch zeigen. Aber in jedem Fall sind ihre Filme nicht Teil des Problems, sondern eher Teil der Lösung.

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