19. Mai 2001 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 2001 (5)

54. Festival du Film Cannes

Im Tal der Tränen

Konkurrenz belebt das Geschäft: Jacques Rivette und Nanni Moretti im Wettbewerb von Cannes – und „ Amélie Poulain” im Kino

Wer zehn Tage auf einem Festival ist und Film um Film sieht, hat manchmal nicht nur Lust aufs wirkliche Leben, sondern mitunter auch aufs wirkliche Kino. Umso mehr, als dort ein Film läuft, der schon im Vorfeld als der heimliche, inoffizielle Sieger von Cannes gehandelt wurde, an dem sich der wahre Gewinner der Goldenen Palme wird messen lassen müssen. Die Rede ist von Jean-Pierre Jeunets „Le fabuleux destin d’Amélie Poulain”, dem zum einen ein fabelhaftes Geschick an den Kinokassen zuteil wurde, dem aber zum anderen der neue Festivalchef Thierry Fremaux bescheinigt hat, er sei nicht wettbewerbstauglich. Zumindest nicht in der Fassung, die ihm Anfang des Jahres vorlag und die er nicht zur Grundlage einer Wettbewerbszusage machen wollte. Regisseur Jean-Pierre Jeunet wiederum behauptet, die Fassung habe sich vom fertigen Film kaum unterschieden und deswegen sei der Bescheid, er könne es im April nochmal versuchen und den Film erneut vorlegen, ein deutliches Signal gewesen, mit dem Filmstart nicht auf Cannes zu warten, sondern „Amélie” schon vorher ins Kino zu bringen – wo er seit drei Wochen ganz Frankreich verzückt.

Ein guter Grund, sich selbst ein Bild von Amélie Poulain zu machen, deren eigenartig überzeichnetes Mädchengesicht von allen Plakaten grinst, ein willkommener Anlass, endlich mal ohne Warteschlange in ein nicht überfülltes Kino gehen zu können, wo gleiches Recht für alle gilt: Mit 45 Francs ist man dabei. Und wie es so schön heißt: Man kriegt auch was für sein Geld. Denn wenn man so will, dann macht Jeunet da weiter, wo Tykwers „Lola rennt” aufgehört hat. Er erzählt Schicksale im Zeitraffer und zeigt, was das Kino heutzutage alles kann. Nichts ist unmöglich in dieser Welt, und darüber gehen einem ein ums andere Mal die Augen über. Amélie Poulain ist ein schüchternes und komplett zauberhaftes Mädchen, und ihr Montmartre ein Postkarten-Paris, das dem poetischen Realismus und der Nouvelle Vague zugleich nachgebaut scheint und die Typen, mit denen es bevölkert ist, scheinen allesamt den Filmen von René Clair, den Fotos von Robert Doisneau oder den Chansons von Jacques Prevert entsprungen. Der Film ist ein Rummelplatz der hübschen Einfälle, süß wie Zuckerwatte, künstlich wie ein Geisterbahn, schwindelerregend wie ein Kettenkarussell. Und wahrscheinlich würde einem von all dem schnell übel werden, wenn Jeunet nicht immer noch eine Überraschung parat hätte. Die tollste von allen ist allerdings die Darstellerin jener Titelfigur, die unmerklich ihr Viertel verzaubert und den Geliebten durch ein magisches Labyrinth lockt, ehe auch sie zu ihrem Glück findet: Audrey Tautou ist wahrscheinlich die strahlendste Erscheinung, die seit Juliette Binoche im französischen Kino gelandet ist, die Ankunft einer Außerirdischen in einem durch und durch erinnerungsseligen Paris. Aber nicht wettbewerbstauglich.

Man kann behaupten: Von jeder halbwegs zurechnungsfähigen Jury hätte Audrey Tautou einen Preis gekriegt – und der Film nach Lage der Dinge auch. Und egal, wie die Fassung ausgesehen haben mag, die Fremaux einst zu Gesicht bekommen hat: Es gehört schon einige Mutwilligkeit dazu, sich „Amélie Poulain” zu verschließen. Mag ja sein, dass man die heilige Tempelruhe des Wettbewerbs nicht durch allzu billige Vergnügungen stören möchte – obwohl der Eröffnungsfilm „Moulin Rouge” auch den lauten Echos eines imaginären Paris nachspürte –, aber die Filmkunst ist sicher nicht dadurch zu retten, indem man sie unter Ensembleschutz stellt – auch wenn die französische Kulturpolitik in denkmalpflegerischer Hinsicht manches für sich hat.

Da darf man sich dann nicht wundern, wenn man sich auf dem Festival oft so vorkommt, als fahre man mit hochgekurbeltem Fenster an seltenen Tieren vorbei, die man nicht füttern darf, um dann hinterher hungrig im nächsten Fastfood-Restaurant einzukehren. Ein Film wie Godards „Eloge de l’Amour” gehört vielleicht einer aussterbenden Tierart an, aber er wird nicht dadurch lebendiger, dass man ihm die Konkurrenz entzieht. Seine Stärke liegt darin, dass er sich seinen Reim auf populäre Formen macht und den Vergleich nicht scheut.

Verrücktes Leben

Also muss man selbst dann, wenn man „Amélie Poulain” für ein Poesiealbum des französischen Kinos hält, diesen Kontrast suchen und fördern. Denn inmitten von lauter Filmen, die alle irgendwie langatmig, schwermütig, schwierig sind, wird man nur zunehmend durch die Gleichförmigkeit dieser sich so anders gebärenden Visionen genervt. Und es ist beileibe nicht so, als gäbe es im Unterhaltungskino Filme wie „Amélie Poulain” alle Tage. Seit „Lola rennt” hat es so etwas Originelles nicht mehr gegeben, und die Luft wird schon verdammt dünn, wenn man den Leuten erklären möchte, warum das irgendwelchen Ansprüchen nicht genügen soll. Das Kino lebt nicht nur, weil es Godard gibt, sondern auch weil alle Jahre mal ein verrückter Film wie „Das fabelhafte Schicksal der Amélie Poulain” auftaucht.

Es lebt natürlich auch, weil es Leute wie Jacques Rivette oder Nanni Moretti gibt, die sich hier in Cannes von einer geradezu publikumsnahen Seite präsentierten. Rivette beglückte in „Va savoir” mit einem geradezu boulevardesken Reigen von Liebeleien, der im Theatermilieu spielt; Moretti in „La stanza di figlio” mit einer Alltagstragödie, bei der man Rotz und Wasser heult. Und obwohl es das eine Mal um den Tod, das andere Mal um die Liebe geht, hat man in beiden Fällen den Eindruck, es habe am Ende zu wenig auf dem Spiel gestanden.

Jacques Rivette folgt einer italienischen Theatertruppe mit einem Pirandello-Stück nach Paris, wo der Leiter (Sergio Castellito) nach einem verschollenen Goldoni-Stück sucht und seine französische Frau und Hauptdarstellerin (Jeanne Balibar) ihrem Ex-Geliebten wieder begegnet. Er trifft bei seinen Nachforschungen auf eine junge Frau, deren Stiefbruder der Geliebte der Frau ist, die mit dem Ex-Geliebten der Hauptdarstellerin zusammen ist – so schließt sich der Kreis von Begierden und Eifersüchteleien, der auf der Theaterbühne immer wieder gekontert wird: Wer spielt welches Spiel? In welcher Rolle meint man es ernst? So dreht und dreht sich „Va savoir” und ist nicht frei von Fallstricken, bleibt aber doch frei von Rivettes üblichen Verrätselungen und Verästelungen – als habe er sich einmal Urlaub von der Geheimniskrämerei gönnen wollen. Das Publikum dankte es ihm, trotz einer beachtlichen Länge von 158 Minuten, mit begeistertem Beifall.

Nanni Moretti erzählt in „Das Zimmer des Sohnes” von einer Familie, die durch den jähen Tod des Sohnes aus der Bahn geworfen wird. Man sieht das Glück zu viert, den Einbruch des Todes, die grenzenlose Trauer, die maßlose Leere, den Verlust des Zusammenhalts, und am Ende die Hoffnung: Das Leben geht weiter. Obwohl nichts an diesem Schicksal oder seiner Verarbeitung besonders ungewöhnlich ist, besticht Moretti doch durch die beharrliche Ruhe seines Blicks. Nichts wird dramatisiert – weil der Verlust selbst dramatisch genug ist. Vielleicht ist der Film deswegen besonders herzzerreißend. Aber auch wenn nie der Eindruck entsteht, dass irgendetwas ausgewalzt würde, scheint der Film seltsam geheimnislos. Als fehle ihm ein Überschuss – und diese Lücke ist auch mit Tränen nicht zu füllen. Für die Goldene Palme zählt er trotzdem zu den Favoriten. Aber unser Herz gehört Amélie Poulain.

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