15. Mai 2001 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 2001 (3)

54. Festival du Film Cannes

Blut, Schweiß und Tränen

Beim Festival in Cannes wird es endlich ernst – mit den neuen Filmen von Claire Denis und Michael Haneke

In Hollywood heißt eine alte Produzentenweisheit, ein Film müsse mit einer Explosion beginnen und sich dann langsam steigern. Claire Denis beginnt mit einem Kuss, und sie schafft es tatsächlich, sich dann noch zu steigern. Man sieht ein Paar in einem Auto, namenlos und im Dunkel kaum auszumachen, bei einem langen Kuss, dazu hört man wunderschöne Musik von den Tindersticks, die später noch allerlei Schrecken untermalen wird und dann in ihrer Schönheit umso irritierender ist.

Gerade ist Claire Denis’ faszinierende Fremdenlegionärselegie „Beau Travail” bei uns verspätet angelaufen, da zeigt sie hier mit „Trouble Every Day”, wie spannend es sein kann, wenn jemand mit ihrem eigentümlichen Blick auf eine Geschichte blickt, die in Hollywood einen ganz normalen Horrorfilm abgegeben hätte, in dem Vampirkino auf Science Fiction trifft.Aber dass sich der Plot solchen Genrezwängen unterwerfen ließe, merkt man erst im Laufe der Zeit – und dann ist es bereits zu spät. Zu Beginn gibt es nur sehr verstreut Anzeichen, dass die Schrecken dieses Films nicht ganz alltäglicher Art sind.

Eine Frau (Béatrice Dalle) wird zitternd und blutverschmiert neben einer Autobahnauffahrt gefunden; ein Mann (Vincent Gallo) wird auf der Reise in die Flitterwochen auf der Flugzeugtoilette von blutigen Visionen heimgesucht. Was und ob das eine mit dem anderen zu tun hat, ergibt sich erst langsam. Dass das Ganze auf ein biogenetisches Experiment im Dschungel von Guayana zurückgeht, tut für den ruhigen Zauber des Films erstmal nichts zur Sache.

Und wenn dann das frischvermählte Paar auf Nôtre-Dame steht, geben die dämonischen steinernen Wasserspeier ihren ganz eigenen Kommentar zum Geschehen ab. Die Art und Weise, wie Claire Denis in ihrer intimen Welt langsam Irritationen ausstreut, gibt dem Genre jenes Geheimnis zurück, das ihm andernorts längst ausgetrieben wurde.

Dass es für dieses kleine Meisterwerk in Cannes dennoch viele Buhs gab, mag daran liegen, dass die Erotik hier zur Abwechslung mal nicht den prüden amerikanischen Konventionen unterworfen ist, sondern sich das Körperbewusstsein in gleichem Maße auf Lust wie auf Gewalt erstreckt. Und wenn dann Sexszenen auf dem Höhepunkt in kannibalistischen Terror umschlagen, dann sitzt der Schrecken wesentlich tiefer, als man das gewohnt ist. Inmitten all der so genannten scary movies, die sich aus dem Schlachten einen Spaß machen, ist es hier plötzlich wieder blutiger Ernst.

Auf diesem schmalen Grat zwischen Schmerz und Lust, Unterwerfung und Erniedrigung trifft sich Claire Denis mit Michael Haneke. Der Wahlösterreicher aus München hat Elfriede Jelineks „Klavier-spielerin” mit Isabelle Huppert und Benoît Magimel verfilmt. Mit seinem bewährt klinischen Blick und seiner seltsamen Obsession fürs Gefälle zwischen der Zivilisation und ihren Niederungen seziert er den Roman, bis man nicht mehr weiß, ob man heulen oder kotzen soll.

So sieht man dabei zu, wie die verdrängten Gefühle der Klavierlehrerin, die noch bei ihrer Mutter (Annie Girardot) lebt, nach und nach immer konkretere Formen annehmen: Es fängt damit an, dass sie an den benutzten Taschentüchern von Peepshowbesuchern riecht, und führt über die Selbstverstümmelung ihres Geschlechts mit einer Rasierklinge zu masochistischen Phantasien, die in einer Vergewaltigung enden. Dem ist Jelineks Behauptung unterlegt, dass es Frauen nicht einmal vergönnt sei, die Regeln der Unterwerfung selbst zu diktieren.

Dieser Ansatz ist – wie immer, wenn Haneke polemisch wird – der langweiligste Aspekt des Films. Aber was immer der Film durch sein allzu zielgerichtetes Drängen auf den Abgrund zu an Geheimnissen einbüßt, das geben ihm die beiden Schauspieler an beklemmender Präsenz zurück. Huppert und Magimel lassen die Leinwand vor Spannung vibrieren, und Hanekes quälend mitleidloser Blick tut ein Übriges, um dem Zuschauer alle Rückzugsmöglichkeiten zu versperren.

Es mag allerdings sein, dass das Französisch den Kunstanstrengungen des Films entgegenkommt – die Vorstellung, das Ganze auch noch auf Wienerisch ertragen zu müssen, ist eher desillusionierend. Denn auf Französisch wirkt die Liebe – selbst in ihren demütigendsten Spielarten – immer noch wie eine Kunstform.

In jedem Fall ist man nach beiden Filmen froh, wenn nach dem Kino auf der Croisette noch die Sonne scheint und das Leben seinen Gang geht.

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