12. Mai 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes-2000 (6)

Hinter den Kulissen lauert das Nichts

Die 53. Internationalen Filmfestspiele von Cannes wurden mit „Vatel” eröffnet – und einem Prolog von Godard

Das Festival beginnt schon auf dem fast leeren Münchner Flughafen – als wäre man in eine Art Schleuse getreten, die das Kino von der wirklichen Welt trennt. „Mr. Ken Loach”, kommt eine Durchsage, „please proceed to the information desk at gate 14!” Am folgenden Abend wird Ken Loachs „Bread and Roses” im Wettbewerb von Cannes laufen, aber hier ist er noch ein Flugreisender wie alle anderen. Sein Landsmann Alan Parker hat mal gesagt, das Irre an Cannes sei, dass man an einem Tag wie ein König behandelt werde und am nächsten Morgen sein Frühstück im Hotel schon selber zahlen müsse. Loach sieht allerdings aus wie jemand, der ohnehin lieber für alles selbst aufkommt. Und wenn er aus seinem Jeans-Anzug in den Smoking steigen muss, wird wahrscheinlich der Kragen zwicken, und auf dem roten Teppich wird er sich auch nicht wohler fühlen. Aber fürs erste steht er noch auf dem Münchner Flughafen, wo erstmal jemand namens Harald Schmidt ausgerufen wird; das Flugzeug nach Berlin-Tegel sei startbereit. Muss sich um einen Witz handeln.

In seinem letzten Jahr als Festivalchef hat sich Gilles Jacob ausgerechnet Luc Besson als Jurypräsidenten ausgesucht, der bislang eher für seine Schweigsamkeit als für Diskussionsfreude bekannt war. Der Mann gehört in der Tat zu den wenigen Europäern, deren Kino ganz auf die Macht der Bilder setzt, auf jene Überwältigungsstrategien, mit denen sonst Hollywood die Welt erobert. Er ist ein französischer George Lucas, der seine Skywalker-Ranch in einem Schloss in der Normandie errichtet hat, von wo aus er vor allem als Produzent tätig sein will. Seine neueste Produktion „Taxi 2” hat in Frankreich auch „Star Wars” als Rekordhalter an den Kassen abgelöst. Und wie sein Vorbild will sich Besson als Regisseur auf Dauer zurückziehen. Mehr als zehn Filme wolle er nicht machen, hat er mehrfach gesagt: „Johanna von Orléans” war sein neunter.

Damit nicht der Verdacht aufkommt, Besson wolle dem Autorenkinofreund Jacob den Abschied vermasseln, hat er in Interviews gleich betont, wie gut ihm der Vorjahressieger „Rosetta” gefallen habe – ein Film, der in jeder Hinsicht das Gegenteil von Bessons Kino darstellt. Und Gilles Jacob hat – damit nicht der Eindruck entsteht, er verrate seine Überzeugungen – bei Jean-Luc Godard einen Prolog fur dieses erste Festival des neuen Millenniums in Auftrag gegeben: Es entstand ein 17-minütiger Kurzfilm, in dem über den Ursprung des 21. Jahrhunderts reflektiert wird, also über das vergangene Jahrhundert. Wie immer benutzt Godard das Kino als Gedächtnis und mischt munter Dokumentarisches und Erfundenes. Der Befund ist stets derselbe: Wo Gewalt regierte, waren es stets die Gesten der Frauen und Kinder, die Hoffnung auf eine Erlösung bargen. Das verfremdete Videomaterial entwickelt dabei seine ganz eigenen Farben, die geradezu zu einem Gedicht erblühen, in dem Schönheit und Schrecken einander bedingen. In dem wunderbaren Reich des Jean-Luc Godard erzählen die Bilder selbst auf Video noch mehr, als es sich Besson in Cinemascope träumen lässt.

Dazu passte ganz gut Roland Joffés Eröffnungsfilm „Vatel”, weil da von Illusionen die Rede ist, die an der Macht der Wirklichkeit zerbrechen. Titelheld François Vatel war ein Zeremonienmeister, der 1671 die Aufgabe hatte, im Auftrag des Prinzen der Condé im Schloss von Chantilly ein mehrtägiges Fest für Ludwig XIV. auszurichten, das den Sonnenkönig so gnädig stimmen sollte, dass er den Prinzen mit dem Feldzug gegen die Holländer betraut. Den Vatel spielt Gérard Depardieu und Uma Thurman seinen weiblichen Gegenpart, aber weil zwischen den beiden kein rechtes Feuer aufkommen will, bleibt der Film, was er ist: eine Ausstattungsorgie, mit deren Essensrechung allein wahrscheinlich der Vorjahressieger hätte finanziert werden können.

So wird die gepflegte Langeweile im Grunde nur dadurch vertrieben, dass einem fortwährend die Augen übergehen, angesichts all der verfeinerten Genüsse, die Vatel auffahren lässt. Eisplastiken, Feuerwerke, Blumengestecke, Tischgedecke – der ganze Film gerinnt zum Stillleben. Aber man schmeckt nichts, riecht nichts, fühlt nichts. „Vatel” ist eine Augenweide, aber man kommt sich vor wie in einem Museum – lauter tote Bilder an den Wänden. Dabei müsste dieser Zeremonienmeister, der stets ums Funktionieren seiner Kreationen und Illusionen besorgt ist, geradezu der Säulenheilige dieses Festivals sein. Vatels Motto lautet: Man muss die richtige Mischung aus Harmonie und Kontrast finden; ein Künstler kann nur sein, wer erkennt, dass es immer auf den Zusammenhang ankommt. Während im Hintergrund der Ruin lauert, arbeitet er an der perfekten Inszenierung – da geht es Vatel nichts anders als jedem Filmregisseur, dem Festivalchef oder all den Hoteliers und Küchenchefs dieser Stadt. Ein Blick hinter die Kulissen – und alles zerfällt.

Als wäre aber die Parallele noch nicht genug, hat man im Festivalpalais am Eröffnungsabend ein Vatel-Diner inszeniert, in dessen Kulissen sich die Gäste vergnügen dürfen, während die Journalisten einen Tag lang über Hintertreppen und Seiteneingänge umgeleitet werden. Und wenn man dann durch irgendwelche Ritzen einen Blick auf das Brimborium erhascht, dann kommt man sich vor wie die Ratten, die in „Vatel” allerorten an den Kulissen nagen.
Jurypräsident Besson hat die Kritiker schon immer für kleine missgünstige Nager gehalten, die seine Erfolge untergraben wollen. Wir nagen weiter.

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