21. Februar 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 2000 (2)

Berlinale II

Eishauch der Vergangenheit

Romuald Karmakars „Himmler-Projekt”

Der Untertitel sagt im Grunde schon alles: Manfred Zapatka und die Rede Heinrich Himmlers bei der SS-Gruppenführertagung in Posen am 4. Oktober 1943. 182 Minuten lang sieht man den Schauspieler Zapatka, mit dem Romuald Karmakar schon bei „Frankfurter Kreuz” und „Manila” zusammengearbeitet hat, wie er an einem Pult die Rede abliest. Drei, vier Kamerapositionen, manchmal springt das Bild, manchmal setzt Zapatka neu an, einmal bleibt er dreimal am Wort „Pazifik” hängen, und man hört den Regisseur im Hintergrund lachen. Es hat also einen Grund, warum der Schauspieler im Titel vorangestellt wird. Es ist eine Art Kampf zwischen Zapatka und Himmler, und die einzige Art, wie sich der Schauspieler wehren kann, ist seine nüchterne, unbeteiligte, seelenlose Art, die drei Stunden zu bewältigen. Es gibt also kaum Gelegenheit, Original und Kopie zu verwechseln. Identifikation ist beim „Himmler-Projekt” kein Thema.

92 Generäle im Goldenen Saal des Schlosses Posen – ihre Präsenz ist nur spürbar durch Einblendungen wie „Heiterkeit im Saal”. Man muss sich diese Situation immer wieder vor Augen halten, weil man selbst als Publikum nicht taugt. Die Rede geht durch die Zuschauer durch in ein Jenseits, das von 92 Gespenstern bevölkert ist, deren weiteres Schicksal im Abspann beschrieben wird: Viele haben sich durch Selbstmord der Verantwortung entzogen, manche sind der Bundesrepublik erhalten geblieben, einer als Bürgermeister von Prien am Chiemsee. Ein Eishauch weht da aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart, der sich nicht nur aus der entfremdeten, entpersonalisierten Rede speist, sondern aus dem Wissen um das Grauen, das diesen Worten vorausging oder ihnen noch folgte.

Wobei Karmakar im Beiblatt über dieses Wissen schreibt, die Geschichtsforschung entwickle sich im umgekehrten Verhältnis zum Wissensstand der breiten Öffentlichkeit. Und je genauer der Blick werde, desto unbegreiflicher werde im Grunde der ganze Holocaust. Deswegen suche er nicht nach einer Kurzformel, sondern die Auseinandersetzung. Und wer sagt eigentlich, dass diese Auseiandersetzung nicht mühevoll sein darf. So leicht wie Hollywood macht er es den Zuschauern wahrlich nicht. Die drei Stunden sind so lähmend und spröde, wie so eine Rede eben ist, aber sie sind auch abenteuerlich und spannend in der Genauigkeit und Beiläufigkeit, mit der hier eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte abgebildet wird.

Karmakars Methode bestand als Dokumentarist wie als Spielfilmregisseur schon immer darin, der Wirklichkeit so lange aufs Maul zu schauen, bis sie zu sprechen beginnt. Oder bis sich zumindest Löcher in ihrem Gewebe auftun, durch die man auf die darunter liegende düstere Wahrheit blicken kann. Hier ist es der in seinem Wahnsystem gefangene Himmler, der hier sozusagen en famille spricht und dennoch keinen Moment lang aus seiner Rolle fällt, keine Pointe, kein Witz, nur am Funktionieren des Systems interessiert. Und je öfter er die menschliche Fehlbarkeit betont, desto unmenschlicher klingen seine Visionen von Rasse und Elite. So gesehen passte das „Himmler-Projekt” perfekt zur Berlinale-Retrospektive über künstliche Menschen, in der es auch immer um die Ausmerzung des Allzumenschlichen ging.

Wenn man hinterher in ein Taxi steigt und an der Ruine des Anhalter Bahnhofs im Regen vorbeifährt, dann wirkt das wie eine gespenstischer Kommentar zu diesem Film – als wäre die dunkle Leere darum herum das Wahngebäude, an dem diese Rede drei Stunden lang gestrickt hat. Und man ist gottesfroh, wenn in diesem Moment ein Song von John Lennon aus dem Radio kommt, der diesen germanischen Spuk vertreibt. Solche einfachen Freuden ermöglicht der Film, der einen dazu zwingt, sich drei Stunden mit der Realität so einer Rede auseinanderzusetzen.

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