28. März 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 2000

Die längste Show der Welt

"American Beauty" gewinnt - und Annette Bening bleibt eine Entbindung auf der Bühne erspart

Wenn man so will, dann war diese Oscar-Nacht eine einzige große Fruchtblase – und die frohe Botschaft des Abends war folglich, dass sie nicht geplatzt ist. Denn Annette Bening war nicht nur für einen Oscar nominiert, den sie dann nicht bekam, sondern hatte auch just am selben Tag ihren Entbindungstermin. So saß sie hochschwanger und trotz ihrer Niederlage stets strahlend im Publikum und durfte zusehen, wie ihr Mann Warren Beatty den Thalberg-Award für seine Verdienste als Produzent überreicht bekam. Die Kameras waren also stets auf sie gerichtet, und so war sie gewissermaßen die Mutter dieser Mutter aller Shows.

Daran sieht man schon, dass es bei der Oscar-Verleihung entgegen anders lautenden Gerüchten nicht wirklich um den Fortbestand abendländischer Kultur geht, sondern darum, einen Blick ins Herz des sonst so kalt berechnenden Hollywood zu tun. Nicht dass an diesem Abend nicht auch Berechnung mit im Spiel wäre – jeder Gewinner, der sich unvorbereitet gibt, lügt –, aber die Stars sind hier zur Abwechslung mal ihren eigenen Emotionen öffentlich ausgeliefert. Und es liegt unleugbar eine gewisse Befriedigung darin, sie einmal so leiden zu sehen, als müssten sie an diesem einen Abend den Preis zahlen für ihren Ruhm, ihren Reichtum, ihre Schönheit.

Natürlich muss man die Show von Anfang an sehen, nicht nur den offiziellen Teil im Shrine Auditorium, sondern auch die Ankunft auf dem roten Teppich, die der Sache vorausgeht. Wenn sie alle in der warmen Abendsonne von Reporter zu Reporter ziehen und die ewig gleichen Fragen zur Garderobe mit der ewig gleichen amerikanischen Freundlichkeit beantworten, den Blick in eine ungewisse und doch so nahe Zukunft gerichtet, und je öfter sie sich als Teil einer großen Familie geben, desto sicherer weiß man, dass es hier um Konkurrenz geht. Man muss nur mal die Garderoben ansehen, um zu begreifen, dass dies ein Kampf der Hüllen ist und nicht der Inhalte. Genauso wie man ja bei der Preisvergabe den Eindruck hat, es gehe überhaupt nur noch um das, was Werbeleute die Anmutung eines Films nennen würden, um das Image, um den Rest von Ausstrahlung, die noch übrig ist, nachdem wochenlang über Chancen und Qualitäten jedes Kandidaten geredet und geschrieben wurde.

Und wenn es dann so weit ist und jemand auf der Bühne seine Statuette abholen darf, dann dringt nur noch ein fernes Echo von dem durch, was auf der Leinwand einst bewegt hat – und die ganze Bewegung der Dankesreden dient nur dazu, nochmal zurückzublenden in die Herzen der Filme, die schon so fern sind. Es ist schon eine eigenartige Sache mit dem Kino, wie schnell sich die Bilder dort übereinander blenden, wie schnell sie gerinnen zu Images. Oder liegt es nur daran, dass man nach drei, vier Stunden Zeremonie so ausgelaugt ist, dass man die fünf wichtigen Oscars für „American Beauty” nur noch mit einer gewissen Ungeduld des Herzens zur Kenntnis nimmt.

Selbst Billy Crystal, der zum siebten Mal durch den Abend führte, schien irgendwann die Puste auszugehen, obwohl er mit den gestohlenen und wiedergefundenen Oscar-Statuen und der schwangeren Annette Bening Material hatte, von dem andere Showmaster nur träumen können. Aber was zwischen seinen Überleitungen passiert, liegt nun auch nicht in seiner Hand.

Dies war nicht unbedingt ein Abend überwältigender Gefühlsausbrüche, manchem stockte zwar die Stimme, aber keiner zerfloss in Tränen, und schließlich gab es ja auch kaum Überraschungen, schon gar nicht solche wie letztes Jahr, als „Shakespeare in Love” Spielbergs „Private Ryan” im letzten Moment vom Treppchen stieß. Der Ehren-Oscar für Andrzej Wajda wurde gebührend zur Kenntnis genommen, der Preis für Beatty öffnete auch nicht unbedingt Herzen, und allein Michael Caines Karriere schien lang und wechselhaft genug, um die Leute zu echten stehenden Ovationen zu animieren. Einzig einen Moment fing die Kamera ein, der jenseits der üblichen Dankesrituale stattzufinden schien. Da stand Sam Mendes, nachdem er seinen Regie-Oscar entgegen genommen hatte hinter der Bühne und sah zu, wie „American Beauty” auch noch als bester Film ausgezeichnet wurde – und es näherte sich Kevin Spacey ebenfalls bewegt von hinten, legte seinem Regisseur den Arm um die Schulter, und dieser ließ seinen Kopf gegen ihn sinken. Wenn es je ein Bild gab, wie allein diese Menschen in diesen Momenten der Freude sind und wie anlehnungsbedürftig, dann dieses.

Übertroffen wird es nur noch von jener Aufnahme, die Faye Dunaway am Morgen nach der Verleihung 1976 zeigt, in einem Morgenmantel aus Satin, hinter sich den Hotelpool, vor sich einen Tisch mit den aufgeschlagenen Zeitungen und der Oscar-Statue, die sie für ihren verstorbenen „Network”-Co-Star Peter Finch in Empfang genommen hat. Diese Mischung aus Inszenierung und Wahrhaftigkeit, aus Ergriffenheit und Einsamkeit ist es, nach der man bei diesem Spektakel Jahr für Jahr Ausschau hält.

Was bedeutet es nun, dass „American Beauty” der große Sieger des Abends geworden ist? Es wurde vorher viel von den vorgeblichen Tabubrüchen des Films geredet und von der Schonungslosigkeit, mit der er porträtiert, was die Amerikaner so bußfertig eine „dysfunctional family” nennen – als sei das irgendwie eine neue Errungenschaft Hollywoods. Ist es nicht. Das letzte Mal, dass eine funktionierende Familie zum besten Film taugte, war 1965: die Trapp-Familie in „Meine Lieder – meine Träume”. Seither gab es „Kramer gegen Kramer”, „Eine ganz normale Familie”, „Zeit der Zärtlichkeit” und vor allem die beiden Teile von „Der Pate” – zweifellos auch lauter Familien, die man dysfunctional nennen kann.

Was man vor allem daran sieht, ist die im letzten Jahr vielfach beschworene Tatsache, wie schwer sich die großen alten Studios tun, ambitionierteren Projekten eine Heimat zu bieten. Das Drehbuch zu „American Beauty” wurde dort jahrelang herumgereicht, ehe Spielbergs Studio-Neugründung Dreamworks zugriff. Andererseits bestand Hollywoods Haupttugend schon immer darin, neue Talente, egal, woher sie kommen, mit großer Inbrunst zu umarmen. Die alte Unterscheidung zwischen Mainstream und Independent, zwischen Studios und Außenseitern ist ohnehin nicht mehr richtig haltbar – zu vernetzt sind die Zusammenhänge zwischen Produktion und Auswertung.

Was bleibt also? Pedro Almodóvars Auftritt, der selbst Benignis letztjähriges Kauderwelsch in den Schatten stellte. Der Ärger darüber, dass Wenders’ „Buena Vista Social Club” gegen den Dokumentarfilm des so eitlen wie gewieften Produzenten Arthur Cohn verloren hat. Vier Oscars für „The Matrix”, der bewiesen hat, dass es auf den richtigen Look ankommt. Und die Bemerkung des Kameramanns Conrad L. Hall, sein Regisseur Sam Mendes sehe nicht nur aus wie der junge Orson Welles, er spiele auch in der selben Liga. Man wird sehen.

Reaktionen:

Kaputte amerikanische Gesellschaft

Leserbrief zu "Verleihung der Oscars: Die längste Show der Welt" / SZ vom 28. März

Gerade in diesem Jahr hätte es sich angeboten, mehr über die Hintergründe der Filme und Preisträger mitzuteilen, zum Beispiel die Tatsache zu beschreiben und zu kommentieren, dass die wichtigen Preise fast ausschließlich an gesellschaftskritische Filme gingen. Dies beschränkte sich keineswegs nur auf „American Beauty”. Dieser Film zeigt im Übrigen meines Erachtens weniger eine kaputte Familie, als eine kaputte amerikanische Gesellschaft. Auch in „Gottes Werk und Teufels Beitrag” (zwei Oscars), vor allem jedoch in „Boys don't cry” ist dies der Fall. Auf diesen Film geht Autor Michael Althen jedoch überhaupt nicht ein, die Preisträgerin Hillary Swank erwähnt er mit keinem Wort.

Der Unterschied zur Verleihung im vorigen Jahr, als harmlose Filme wie „Shakespeare in Love” groß abräumten, erscheint mir zu groß, als dass er übergangen werden kann. Stattdessen betont Althen, wie wichtig es sei, die ganze Show zu sehen, also auch schon den Aufgalopp der Prominenten vor Beginn der Veranstaltung, betont, wie wichtig die „Hülle” ist. Aber wo ist denn der Unterschied zu den letzten Jahren?
STEFAN LEMPP, Süddeutsche Zeitung, 06. April 2000

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