27. März 2001 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 2001

Nicht alle Wege führen nach Rom

GLADIATOR wird als bester Film ausgezeichnet – und auch sonst gab es eine Menge glücklicher Gewinner bei der 73. Oscarverleihung in Hollywood

Kann schon sein, dass in den Annalen von der diesjährigen Oscar-Verleihung eine andere Geschichte erzählt werden wird: dass ein Film, der ausschließlich in Mandarin gedreht worden ist, vier Oscars gewinnt; dass ein anderer Film, in dem über weite Strecken nur Spanisch gesprochen wird, genauso oft gewinnt; oder dass der Siegerfilm, in dem überwiegend britisches Geld und Talent steckt, ein Genre wiedererfunden hat, in dem von jeher alle Wege nach Rom führen. Wenn die Filmbranche sich selbst feiert, dann führen ohnehin alle Wege nach Hollywood. Denn dann schaffen sie es einen Abend lang, den Eindruck zu vermitteln, auch China, Mexiko und London sowieso seien im Grunde nur Filialen der weltumspannenden Traumfabrik, die eben nach Bedarf ihre Produktionen auslagert. Mit dieser Umarmungsstrategie schafft es der unbewegliche Koloss immer wieder, sich selbst zu erneuern. Aber solche Erwägungen spielen bei den Oscars nur eine Nebenrolle.

Die wahre Geschichte des Abends ist also eine andere. Es war noch nicht einmal ein besonders überraschender Moment, in dem man einen Blick ins Herz der Traumfabrik tun konnte, und doch besaß er jenes eigentümliche Leuchten, mit dem Hollywood von jeher den Leuten den Kopf verdreht. Es kam also Julia Roberts auf die Bühne, um sich den Oscar abzuholen, den ihr in diesem Jahr niemand streitig machen konnte, und die Art, wie sie das tat, zeugte von genau jener Mischung aus Emotion und Kalkül, die den Amerikanern keiner nachmacht. Sie stand da im Widerstreit der Gefühle, juchzend vor Freude und zitternd vor Aufregung, sagte mit einem Blick auf die Studiouhr, die jedem Sieger 45 Sekunden zugesteht, sie habe nicht vor, so schnell wieder von der Bühne zu gehen, und schien sich in der Folge aufzulösen in schieren Magnetismus. Jeder wusste, dass sie gewinnen würde, jeder erwartete, dass sie überglücklich sein würde – und doch konnte man spüren, wie ihr die Herzen zuflogen, angezogen von einem Strahlen, das wirklich raum- und bildschirmfüllend war. Und wie bei einer schaumgeborenen Venus glaubte man, dass diese Frau eine reine Kinogeburt ist, die bei der geringsten Berührung in einem Lichtblitz verschwinden würde, und zurück bliebe nur noch eine Ahnung des Funkelns, das sie da gute drei Minuten lang versprühte. „I love the world”, sagte sie, und es spielte plötzlich keine Rolle mehr, ob sie alles dutzend Mal einstudiert hat oder ob wirklich alles von Herzen kam. Das ist ja genau das Geheimnis von Hollywood, dass das keinen Unterschied macht, weil es – wie das klügere Geister bereits formuliert haben – unseren Sehnsüchten eine Welt unterschiebt, die mit unseren Wünschen übereinstimmt. Es ist wie bei den Tricks von Zauberern, die jeder kennt und von denen man sich doch immer wieder gern hinters Licht führen lässt, um dann ungläubig zu staunen.

Natürlich sind Oscar-Verleihungen nur etwas für die Gläubigen, nichts für die Zweifler. Andererseits haben sich die knapp 5700 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences offenbar wirklich bemüht, mal über ihren Schatten zu springen. Haben nicht mit der Wurst nach der Speckseite geworfen und GLADIATOR noch all die anderen Preise hinterhergeworfen, die bei epischen Filmen oft dazuzugehören scheinen, sondern haben Steven Soderbergh für seine ungewöhnliche Regieleistung TRAFFIC belohnt, haben TIGER & DRAGON für seinen virtuosen Brückenschlag zwischen Ost und West gewürdigt und auch sonst die Oscars so vergeben, dass man fast meinen möchte, das Vorurteil von der überalterten Academy stimme eigentlich schon längst nicht mehr. Wohl noch selten haben die Oscars so sehr auch das Urteil der Kritik widergespiegelt. GLADIATOR, TIGER & DRAGON, TRAFFIC führen alle den Beweis, dass gute Unterhaltung auch intelligent sein kann und dass das Kino bei allen Tendenzen zur Globalisierung immer wieder in der Lage ist, Eigenarten zu entwickeln, die mehr sind als nur Lokalkolorit – nur die Grenzen sind eben durchlässiger geworden. Dazu gehört dann wohl auch, dass der oscargekrönte Kurzfilm von Florian Gallenberger in Mexiko spielt. Die Deutschen spielen bei den Oscars nun schon seit Jahren munter Nebenrollen – aber dem eigenen Kino scheint das nicht so richtig auf die Beine zu helfen.

Was die Show angeht, so hat man sich nach den über vier Stunden vom letzten Jahr diesmal bemüht und die Veranstaltung um eine Dreiviertelstunde gekürzt, aber dadurch wurde die Sache auch nicht spritziger. Die Ehren-Oscars an Produzent Dino De Laurentiis, Kameramann Jack Cardiff und Drehbuchautor Ernest Lehman waren auch keine richtigen Herzensangelegenheiten, und bei der Rückschau auf die Toten des letzten Jahres wurde in maßloser Selbstbezogenheit Claude Sautet vergessen. Steve Martin veranstaltete nicht so viel Wirbel wie sein Vorgänger Billy Crystal, hatte aber den Abend mit seiner Stand-up-Routine locker im Griff: „Bitte sparen Sie sich Ihren Applaus für mich auf!”

Den besten Moment haben die Oscars dieses Jahr allerdings an die Globes verloren. Dort bekam Bob Dylan seine Standing Ovation, hier war er nur live aus Australien zugeschaltet, wo er auf Tour ist. Er spielte seinen Song aus WONDER BOYS, sah dabei diabolischer denn je aus und wünschte dem amüsierten Publikum „peace, tranquillity and good will”. Wäre Dylan leibhaftig da gewesen, hätte der Saal wahrscheinlich getobt. Denn selbst in Hollywood erkennt man mitunter, dass Berechnung nicht alles ist und es keinen Ersatz für das Echte gibt. Dass es Fälle gibt, wo jemand für das, was er macht, mit seinem ganzen Leben einsteht. Jemand, für den nicht alle Wege nach Hollywood führen – und auch nicht nach Rom.

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